Montag, 5. August 2013

Lob der Politikverdrossenheit

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG wurde gefragt, auf was er lieber verzichten würde, sein Handy oder sein Wahlrecht. Mit vehementer Selbstverständlichkeit gab er an, lieber auf das Handy denn auf sein Wahlrecht zu verzichten.
Es soll nun nicht um die Wahrhaftigkeit und Durchdachtheit seiner imaginären Entscheidung gehen, eher um die Frage, warum die Mehrheit der Deutschen, wenn sie ganz ehrlich gewesen wären, die andere Wahl getroffen hätten, mehr noch, warum die Deutschen sich kaum noch für das öffentlich politische der Nation interessieren, höchstens im Sinne einer medialen Unterhaltungsplattform. Engagez-vous ist nicht en vogue.
Die Antwort soll zeigen, dass die Haltung aus der jeweiligen Sichtweise des Einzelnen höchst vernünftig, also rational ist, und daher mitnichten als asoziales Verhalten der dumpfen Masse zu diskreditieren.
Zum einen geht es uns gut in Deutschland. Fast alle haben Arbeit und die, die keine haben, bekommen vom Sozialstaat einen Ausgleich, von dem sich ohne materielle Existenzängste gut leben lässt. Die Letztgenannte Minderheit soll nicht Gegenstand der Betrachtung sein, vielmehr die große Mehrheit, der es gut geht, da in Lohn und Brot einer ordentlichen Tätigkeit. Diese Mehrheit kann sich Freizeit, Urlaub, Müßiggang, Erholung, Sport, Unterhaltung, Vergnügung leisten. Und nicht nur dies. Durch den Einzug der Smartphones und des Internet ist eine fast unendliche Fülle an Beschäftigungsmöglichkeiten und Unterhaltung für alle gegeben. Eine persönliche absolut fühlbare Verbesserung der Situation ist objektiv betrachtet nur schwer zu erreichen, durch eine Änderung politischer Regelungen oder Rahmenbedingungen annähernd völlig ausgeschlossen oder zumindest aussichtslos.
Zum zweiten hat die heutige Generation der 30-50 jährigen große Ideologie-Vorbehalte. Die Generation, der man in der Jugend permanent die Schrecken des dritten Reiches vor Augen gehalten hat, verbunden mit der Forderung, dass der einzelne in einer analogen Situation den heldenhaftem Widerstand zu ergreifen habe, kommt in ihrer kühl-rationalen Selbstanalyse zu dem ehrlichen Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit des Heldentums bei ihnen wie bei der Generation des dritten Reichs, gering ist. Ein Glaube an eine moralische Überlegenheit ist jedenfalls nicht unterhalb einer nach außen getragenen politschen Korrektheit, die diese Überlegenheit suggerieren möchte, substantiell vorhanden.
Zum dritten weiß der einzelne, im Gegensatz zu Herrn Döpfner, deutlich besser um die Begrenztheit des Einflusses der einzelnen Stimme bescheid und hält so sein Engagement auf einem rationalen Niveau, so dass der Engagement-Input, den er zu leisten bereit ist, dem erwarteten gesellschaftlichen Mehrwert entspricht. Denn auch ohne die Stimme des Einen für eine der etablierten Parteien, werden diese von einer Mehrzahl gewählt. Debatten werden auch ohne den Einen geführt. Piratenhaftes Involvieren aller ist derzeit in Mode, aber nur begrenzt ehrlich gemeint in den großen Parteien. Und selbst wenn es ehrliche Involviertheit aller gäbe, wie wäre es beispielsweise möglich, die heute real existierende Gefahr eines Atomkriegs, welche kaum in einer Debatte zu finden ist, zu reduzieren, bzw. diese zu bekämpfen aus Sicht des Einen? Eine Aktivierungsenergie zur Entflammung der Debatte, mit schließlich realen Wirkungen in den Handlungen von atomaren Mächten scheint im ersten Moment zu groß als dass man sich nicht wieder schnell von der fixen Idee verabschieden wird.
Wenn nun aber immer mehr, gar alle so denken und sich nicht politisch engagieren? Diese Kantsche Frage ist zwar berechtigt, aber die Antwort ist, dass dies nicht sprunghaft passieren wird. Wenn beispielsweise immer mehr Menschen nicht wählen würden und etwa die Gefahr besteht, dass ungewollte, gar nicht-demokratische Kräfte erstarken, so wandelt sich das Gleichgewicht aus Engagement-Input und gesellschaftlichem Mehrwert in der Art, dass der heute politikverdrossene Mittelschichtler seine Stimme wieder erheben wird und selbstverständlich wählen geht.
Die Demokratie muss es aushalten, dass der Souverän sein individuelles Einbringen in die Regeln, Handeln und Effizienz des politischen Systems selbst bestimmen und auch in starkem Maße reduzieren darf. Die Aufgabe der engagierten im politischen Betrieb ist die immer wiederkehrende Aufforderung der anderen zum Engagement, zur Teilhabe, verbunden mit der Offenheit, dass der Fragende mit einer Antwort rechnen muss. Ist die Frage ernst gemeint, muss die Antwort ebenso genommen werden.

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